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DSCHUNG YUNG / Maß und Mitte
Die Grundlagen
Was der Himmel (dem Menschen) bestimmt hat, ist
sein Wesen. Was dieses Wesen (zum Rechten) leitet, ist der Weg. Was den Weg
ausbildet, ist die Erziehung1. Der
Weg darf nicht einen Augenblick verlassen werden. Dürfte er verlassen werden,
so wäre es nicht der Weg. Darum
ist der Edle vorsichtig gegenüber dem, das er nicht sieht, und besorgt gegenüber
dem, das er nicht hört. Es
gibt nichts Offenbareres als das Geheime, es gibt nichts Deutlicheres als das
Allerverborgenste; darum ist der Edle vorsichtig in dem, was er allein für sich
ist. Der
Zustand, da Hoffnung und Zorn, Trauer und Freude sich noch nicht regen, heißt
die Mitte2. Der Zustand, da sie sich äußern, aber in allem den rechten
Rhythmus treffen, heißt Harmonie. Die Mitte ist die große Wurzel aller Wesen
auf Erden, die Harmonie ist der zum Ziel führende Weg auf Erden. Bewirke
Harmonie der Mitte, und Himmel und Erde kommen an ihren rechten Platz, und alle
Dinge gedeihen. [Chinesische Philosophie: Li Gi - Das Buch der
Riten, Sitten und Gebräuche. Asiatische Philosophie - Indien und China, S.
25141(vgl. Li Gi, S. 27 ff.)]
Der
Weg als offenbares Geheimnis Der Meister sprach: Geheime Künste erforschen und
Wunder wirken, daß die Nachwelt etwas zu erzählen hat: das mache ich nicht. Der
Edle ehrt den Weg und wandelt ihn. Auf halber Straße stehenbleiben: das mache
ich nicht.
Der
Edle hält sich an Maß und Mitte. Sich
vor der Welt verbergen und unerkannt bleiben, ohne es zu bedauern: das kann nur
der Heilige. Der
Weg des Edlen ist ausgebreitet (vor aller Augen) und doch geheimnisvoll. Die
Torheit eines gewöhnlichen Mannes und Weibes kann ihn erkennen; aber er reicht
in Weiten, die auch der Heilige nicht alle erkennt. Die schwachen Kräfte eines
gewöhnlichen Mannes und Weibes reichen aus, ihn zu gehen; aber er reicht in
Weiten, die auch der Heilige nicht alle erreichen kann. Bei
aller Größe des Himmels und der Erde haben die Menschen doch noch manches an
ihnen auszusetzen. Darum: Wenn der Edle von Größe redet, meint er eine solche,
die nichts auf Erden fassen kann; wenn er von Kleinheit redet, meint er eine
solche, die nichts auf Erden zerstückeln kann. In den Liedern heißt es (III Da
Ya I, 5, 3):
»Der Falke fliegt zum Himmel auf,
die Fische tauchen tief zum Grund.« Damit ist gemeint, daß man den Weg in allen Höhen
und Tiefen erforschen muß. Der
Weg des Edlen nimmt seinen Anfang bei den Angelegenheiten des gewöhnlichen
Mannes und Weibes; aber er reicht in Weiten, da er Himmel und Erde durchdringt. [Chinesische Philosophie: Li Gi - Das Buch der
Riten, Sitten und Gebräuche. Asiatische Philosophie - Indien und China, S.
25146 (vgl. Li Gi, S. 29 ff.)] Die
goldene Regel Der Meister sprach: Der Weg ist nicht ferne vom
Menschen. Wenn die Menschen den Weg vom Menschen entfernen, so kann man das
nicht den Weg nennen. In den Liedern heißt es (I Guo Fong XV, 5, 1):
»Beilstiel hacken, Beilstiel hacken,
ist das Muster doch nicht fern.« Aber wenn man auch einen Beilstiel in der Hand hält,
nach dem man den neuen Beilstiel zurechthacken kann, so muß man doch immer
wieder nach ihm hinsehen und ihn betrachten; so ist es doch noch fern zu nennen. Darum
ordnet der Edle den Menschen durch den Menschen, er verändert ihn nicht,
sondern bessert ihn nur. Gewissenhaftigkeit
und Mitgefühl [Bewußtsein des Zentrums und der Gleichartigkeit der andern mit
dem Selbst] lassen dich nicht weit vom Weg abirren. Was du nicht liebst, wenn es
dir selbst angetan wird, das tue du keinem andern Menschen an. Zum
Weg des Edlen gehören aber noch vier weitere Dinge, von denen ich auch nicht
eines schon kann: So meinem Vater dienen, wie ich es von meinem Sohn erwarten würde,
kann ich noch nicht. So meinem Fürsten dienen, wie ich es von meinem Beamten
erwarten würde, kann ich noch nicht. So meinem älteren Bruder dienen, wie ich
es von meinem jüngeren Bruder erwarten würde, kann ich noch nicht. So meinem
Freund gegenüber zuerst handeln, wie ich es von ihm erwarte, kann ich noch
nicht. Aber
wenn ich in der Übung der ganz gewöhnlichen Tugenden oder in der Achtung auf
die ganz gewöhnlichen Reden Gebrechen habe, so wage ich nicht, mich nicht
anzustrengen. Wenn ich ein Übriges tue, so wage ich nicht, es zu betonen. Die
Worte müssen auf die Taten blicken, die Taten müssen auf die Worte blicken. Wie
sollte der Edle nicht unbedingt aufrichtig sein! [Chinesische Philosophie: Li Gi - Das Buch der
Riten, Sitten und Gebräuche. Asiatische Philosophie - Indien und China, S.
25148(vgl. Li Gi, S. 30 ff.)]
Die Wahrheit haben und die Wahrheit suchen
Die Wahrheit haben ist des Himmels Weg, die
Wahrheit suchen ist der Weg des Menschen. Wer
die Wahrheit hat, trifft das Rechte ohne Mühe, erlangt Erfolg ohne Nachdenken,
wandelt mit selbstverständlicher Leichtigkeit auf dem mittleren Weg. Das sind
die Heiligen. Wer
die Wahrheit sucht, der wählt das Gute und hält es fest. Er
forscht umfassend danach, er fragt kritisch danach, er denkt sorgfältig darüber
nach, er untersucht es klar, er handelt entschlossen danach. Es mag Dinge geben,
die er nicht erforscht; aber was er erforscht, davon läßt er nicht ab, bis er
es kann. Es mag Dinge geben, nach denen er nicht fragt; aber was er fragt, davon
läßt er nicht ab, bis er es weiß. Es mag Dinge geben, über die er nicht
nachdenkt; aber worüber er nachdenkt, davon läßt er nicht ab, bis er es
gefunden hat. Es mag Dinge geben, die er nicht untersucht; aber was er
untersucht, davon läßt er nicht ab, bis es klar ist. Es mag Dinge geben, die
er nicht tut; aber was er tut, davon läßt er nicht ab, bis er es beherrscht.
Andre können es vielleicht aufs erstemal, ich muß es zehnmal machen; andre können
es vielleicht aufs zehntemal, ich muß es tausendmal machen. Wer aber wirklich
die Beharrlichkeit besitzt, diesen Weg zu gehen: mag er auch töricht sein, er
wird klar werden; mag er auch schwach sein, er wird stark werden. Von
der Wahrheit zur Klarheit11, das ist Naturveranlagung (Wesen); von der Klarheit
zur Wahrheit, das ist Erziehung. Wer die Wahrheit hat, der hat auch die Klarheit;
wer die Klarheit hat, der hat auch die Wahrheit. Nur
wer auf Erden die höchste Wahrheit hat, kann sein Wesen durchdringen. Wer sein
Wesen durchdringen kann, kann das Wesen der Menschen durchdringen. Wer das Wesen
der Menschen durchdringen kann, der kann das Wesen der Dinge12 durchdringen. Wer
das Wesen der Dinge durchdringen kann, der kann wie Himmel und Erde schöpferisch
gestalten. Wer wie Himmel und Erde schöpferisch gestalten kann, der bildet mit
Himmel und Erde die große Dreieinigkeit. Die
nächste Stufe ist es, beim Kleinen und Einzelnen anzufangen und es in die
Wahrheit zu bringen. Wahrheit wirkt Wirklichkeit, Wirklichkeit wirkt
Sichtbarkeit, Sichtbarkeit wirkt Klarheit, Klarheit wirkt Bewegung, Bewegung
wirkt Veränderung, Veränderung wirkt Umgestaltung. Nur wer auf Erden höchste
Wahrheit hat, kann umgestalten. Der
Weg der höchsten Wahrheit führt dazu, daß man die Zukunft voraus erkennen
kann. Wenn ein Reich im Begriff ist aufzublühen, so gibt es stets günstige
Vorzeichen; wenn ein Reich im Begriff ist unterzugehen, so gibt es stets
unheilvolle Vorzeichen. Das offenbart sich in Schafgarbe und Schildkröte (beim
Orakel) und regt sich in allen Gliedern. Ob Heil oder Unheil heraufzieht, so
gibt es Gutes, das (der Heilige) sicher zum voraus erkennt, und Böses, das er
zum voraus erkennt. Darum ist der, der die höchste Wahrheit hat, göttlich. Die
Wahrheit vollendet durch sich selbst, und der Weg leitet durch sich selbst. Die
Wahrheit ist Ende und Anfang aller Dinge. Ohne Wahrheit gibt es kein Ding. Darum
hält der Edle die Wahrheit wert. Der Wahre macht nicht nur sich selbst
vollkommen, sondern eben dadurch macht er auch die Außendinge vollkommen. Sich
selbst vollkommen machen ist Menschlichkeit, die Außendinge vollkommen machen
ist Weisheit. Das sind die Geisteskräfte des Wesens und der Weg zur Vereinigung
des Äußern und des Innern. Ihn allezeit anzuwenden geziemt sich. Darum
gibt es für die höchste Wahrheit kein Ablassen; Unablässigkeit führt zur
Dauer, Dauer führt zur Wirkung, Wirkung führt zur Fortwirkung in die Ferne,
Fortwirkung in die Ferne führt zu Weite und Festigkeit, Weite und Festigkeit führen
zu Höhe und Klarheit. Weite
und Festigkeit: dadurch werden die Dinge getragen; Höhe und Klarheit: dadurch
werden die Dinge beschirmt. Durch ununterbrochene Dauer werden die Dinge
vollkommen. Weite und Festigkeit ist der Erde zugeordnet. Höhe und Klarheit ist
dem Himmel zugeordnet. Ununterbrochene Dauer ist Unendlichkeit. Wer
das erreicht hat, der offenbart sich, ohne sich zu zeigen, verändert, ohne sich
zu bewegen, macht vollkommen, ohne zu handeln. Der Weg von Himmel und Erde läßt
sich mit einem Wort erschöpfen: Weil sie in ihrem Wesen (Substanz) ohne
Zweideutigkeit sind, deshalb erzeugen sie Wesen (Substanzen) unergründlich. Der
Weg von Himmel und Erde ist weit und fest und hoch und klar und ununterbrochen
und dauernd. Nun
ist der Himmel eben das leuchtende Etwas (das wir sehen); aber in seiner
Unendlichkeit hält er Sonne, Mond, Sterne und Tierkreiszeichen fest und schirmt
alle Dinge. Nun ist die Erde eben diese Hand voll Staub (die ich fassen kann);
aber in ihrer Weite und Festigkeit trägt sie das Huagebirge13, und es ist ihr
nicht zu schwer; sie leitet die Ströme und Meere, daß sie nicht überfließen,
und trägt alle Dinge. Nun ist der Berg eben diese Faust voll Steine; aber in
seiner Weite und Größe wachsen auf ihm Kräuter und Bäume, wohnen auf ihm Vögel
und Tiere, und Schätze sind in ihm verborgen in großen Mengen. Nun ist das
Wasser eben dieser Löffel voll Flüssigkeit; aber in seiner Unergründlichkeit
leben Leviathan und Krokodil, allerlei Drachen, Fische und Schildkröten, und
kostbare Güter erzeugt es. In den Liedern heißt es (IV Sung I, 2, 1): »Des
Himmels Wille ist
dunkel und ewig.« Damit ist ausgedrückt, wodurch der Himmel Himmel
ist. (Ferner heißt es:)
»O wie verborgen ist
die Reinheit der Geisteskraft des Königs Wen.« Damit ist ausgedrückt, wodurch der König Wen Wen
(vollendet) war: Seine Reinheit war auch ewig (unaufhörlich). [Chinesische Philosophie: Li Gi - Das Buch der
Riten, Sitten und Gebräuche. Asiatische Philosophie - Indien und China, S.
25166 (vgl. Li Gi, S. 37 ff.)]
Das höchste Geheimnis
Der Meister sprach: Die hörbaren und sichtbaren
Mittel, um das Volk zu gestalten, sind die letzten (die angewendet werden dürfen).
In den Liedern heißt es (III Da Ya III, 6, 6):
»Die Geisteskraft ist leicht wie ein Haar.« Aber auch ein Haar18 hat noch Beziehungen (und
dadurch Bindungen).
»Der Himmel schafft
lautlos und ohne Spur.« Das ist das Höchste. [Chinesische Philosophie: Li Gi - Das Buch der
Riten, Sitten und Gebräuche. Asiatische Philosophie - Indien und China, S.
25183(vgl. Li Gi, S. 45 ff.)]
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canandanann 04-03-06
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