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Chunqiu
Frühling und Herbst des Lü
Bu We Anpassung an das Leben
/ Ben Schong Alle Wesen werden erzeugt vom Himmel. Ihre Ernährung
und Vollendung ist Sache des Menschen. Wer das vom Himmel Erzeugte ernähren
kann, ohne ihm Gewalt anzutun, der heißt mit Recht Himmelssohn. Der Himmelssohn
hat bei all seinen Handlungen das Ziel, die Natur durch Kunst zu vollenden. Das
ist der Grund, warum er Beamte einsetzt. Der Zweck der Einsetzung der Beamten
ist die Pflege und Vollendung des Lebens. Heutzutage gibt es betörte Herrscher,
die zahlreiche Beamte haben, aber dadurch nur das Leben schädigen. Damit
verfehlen sie den Sinn ihrer Einsetzung. Zum Beispiel: man rüstet Waffen, um
sich gegen feindliche Einfälle zu sichern. Wenn man nun Waffen rüstet und sie
umgekehrt dazu benützt, selbst anzugreifen, so ist der Sinn der Rüstungen
offenbar verfehlt. Das
Wasser ist von Natur klar. Wenn es durch Erde getrübt wird, so kann diese
Klarheit nicht in Erscheinung treten. Der Mensch ist von Natur zu langem Leben
bestimmt. Wenn er durch äußere Dinge getrübt wird, so kann dieses lange Leben
nicht in Erscheinung treten. Die Außendinge sind dazu da, daß man sie benützt,
um durch sie das Leben zu gewinnen, nicht daß man das Leben benützt, um sie zu
gewinnen. Heutzutage gibt es betörte Menschen, die vielfach unter Drangabe
ihres Lebens die Außendinge zu gewinnen suchen. Damit zeigen sie, daß sie
wahren Wert nicht zu schätzen wissen. Wer wahren Wert nicht kennt, nimmt das
Wichtige für unwichtig und das Unwichtige für wichtig. Wer das tut, wird aber
in all seinen Handlungen notwendig Mißerfolg haben. Ein Fürst, der so handelt,
wird zum Tyrann; ein Beamter, der so handelt, wird zum Empörer; ein Sohn, der
so handelt, wird zuchtlos. Wenn in einem Staate auch nur eine von diesen drei
Menschenklassen vorhanden ist, so geht er sicher zugrunde, wenn er nicht großes
Glück hat. Wenn
zum Beispiel eine Musik zwar angenehm zu hören ist, aber durch ihr Anhören betäubt,
so soll man sie gar nicht erst anhören. Wenn eine Gestalt zwar angenehm
anzuschauen ist, aber durch ihr Anschauen verblendet, so soll man sie gar nicht
erst anschauen. Wenn eine Speise zwar angenehm zu essen ist, aber durch ihren
Genuß den Mund schal macht, so soll man sie gar nicht erst essen. Darum verhält
sich der Weise zu den Eindrücken der Sinne des Ohres, des Auges und des Mundes
also, daß er sie genießt, wenn sie dem Leben nützen, sie aber entbehrt, wenn
sie dem Leben schaden. Das ist der Weg zur Pflege und Vollendung des Lebens. Die
Weltleute, die den Reichtum wichtig nehmen, sind in Beziehung auf die Genüsse
der Sinne ganz verblendet. Wenn man Tag und Nacht nach Glück strebt und es
erlangt, so wird man zügellos. Aber wie will ein zügelloser Mensch es machen,
daß sein Leben nicht verdirbt? Wenn 10000 Leute den Bogen ergreifen und
gemeinsam nach einem Ziel schießen, so wird das Ziel sicher getroffen. Wenn
10000 Dinge gleißen und scheinen, um ein Leben zu verderben, so wird dieses
Leben sicher verderben. Wenn aber alles dazu mithilft, dieses eine Leben zu fördern,
so wird dieses Leben sicher lange dauern. Darum richtet der Weise den Gebrauch
aller Dinge so ein, daß sie sein vom Himmel gegebenes Leben vollenden. Wer
dieses Leben vollendet, dessen Geist kommt in Harmonie, sein Auge wird klar,
sein Ohr verständig, sein Geruch fein, sein Geschmack scharf, und alle seine
Glieder werden gewandt und frei. Ein solcher Mann findet Glauben, ohne zu reden,
trifft das Rechte, ohne sich vorher zu überlegen, findet sein Ziel, ohne sich
vorher zu besinnen. Denn sein Geist durchdringt Himmel und Erde, und sein
Verstand umfaßt das Weltall. Er steht den Dingen so gegenüber, daß alle zu
seiner Verfügung stehen und ihm dienen müssen; er gleicht darin Himmel und
Erde. Ist er hoch droben auf dem Königsthron, so wird er nicht stolz; ist er
tief drunten als gemeiner Mann, so
wird er nicht traurig darüber. Von einem solchen Mann kann man sagen, daß er
seinen Charakter vollkommen gemacht hat. Ehre und Reichtum ohne die Erkenntnis,
daß Wohlhabenheit ins Elend führt, ist schlimmer als Armut und Niedrigkeit.
Denn wer arm und niedrig ist, dem fällt es schwer, die Dinge an sich zu raffen.
Selbst wenn er Luxus treiben wollte, wie könnte er's denn? Auf der Straße der
Wagen und im Hause der Fahrstuhl, man sucht sie, um es sich selbst bequem zu
machen, aber sie heißen Maschinen zur Herbeiführung der Lähmung. Fettes
Fleisch und alter Wein, man sucht sie, um sich selbst zu stärken, aber man heißt
sie Gifte, die die Eingeweide faulen machen. Zarte Wangen und weiße Zähne und
die verführerischen Töne von Tschong und We, man sucht sie, um sich selbst zu
ergötzen, aber sie heißen die Axt, die das Leben fällt. Aber diese drei Übel
sind die Folgen von Ehre und Reichtum. Darum gab es unter den Menschen des
Altertums solche, die sich weigerten, geehrt und reich zu werden, weil sie das
Leben wichtig nahmen. Wer sich nicht durch eitle Namen betören lassen will,
sondern die Wirklichkeit wichtig nimmt, der darf diese Mahnung nicht unbeachtet
lassen. [Chinesische
Philosophie: Chunqiu - Frühling und Herbst des Lü Bu We. Asiatische Philosophie - Indien und China, S. 23415 (vgl. Chunqiu, S. 4
ff.)]
Triebe und Begierden /
Tsing Yü Der Himmel erzeugt den Menschen mit Begierden und Wünschen.
Die Begierden haben einen naturgemäßen Trieb. Die Triebe haben ihr Maß. Der
Weise pflegt das Maß, um die Begierden zu hemmen. Deshalb überschreitet er
niemals die natürlichen Triebe. Die
Begierde des Ohrs ist auf die fünf Töne gerichtet. Die Begierde des Auges ist
auf die fünf Farben gerichtet. Die Begierde des Mundes ist auf die fünf
Geschmacksarten gerichtet. Das sind die natürlichen Triebe. In diesen drei Stücken
sind Vornehme und Geringe, Toren und Weise, Gute und Schlechte in ihren
Begierden vollkommen gleich. Selbst ein Schen Nung und Huang Di stimmen darin
mit einem Giä und Dschou Sin überein. Wodurch die Weisen sich unterscheiden
ist, daß sie die natürlichen Triebe treffen. Wenn man bei seinen Handlungen
das Leben wichtig nimmt, so trifft man die natürlichen Triebe; wenn man seine
Handlungen nicht durch das Wichtignehmen des Lebens bestimmen läßt, so
verfehlt man die natürlichen Triebe. Diese beiden Dinge sind die Wurzel von
Leben und Tod, Sein und Nichtsein. Die Herrscher, wie sie zu sein pflegen,
beeinträchtigen die natürlichen Triebe, darum hat all ihr Tun Untergang und
Verlust zur Folge. Das
Ohr darf man nicht übertäuben, das Auge darf man nicht übermüden, den Mund
darf man nicht überfüllen, sonst schwillt der ganze Körper an, die Sehnen und
Knochen erstarren, das Blut in den Adern stockt, die neun Körperöffnungen
erschlaffen, und jeder Winkel des Leibes verliert seinen naturgemäßen Zustand.
So etwas kann selbst ein Pong Dsu20 nicht aushalten. Wer Dinge, die man nicht
erlangen kann, begehrt, wer Dinge, an denen man sich nicht ersättigen kann,
erstrebt, der kommt weit ab von der Wurzel des Lebens. Die Menschen hassen und lästern
ihn, und er sät große Feindschaft. Wenn die Gedanken leicht erregbar sind, so
wird man unstet und kraftlos. Wer sich seiner Macht und seiner Klugheit brüstet,
der ist in seiner Brust betrügerisch und falsch. Wer langsam ist, wo Tugend und
Pflicht rufen, und eilig, wo unrechtmäßiger Gewinn winkt, der kommt in Bedrängnis
und Verlegenheit. Wenn die Reue hinterher kommt, so ist es zu spät. Schwätzer
und Heuchler umdrängen einen solchen Menschen, und die Gerechten entfernen sich
von ihm. Das Land kommt in große Gefahr, Reue über die vergangenen Fehler
hilft nichts mehr. Man hört Worte, die einen erschrecken, und findet doch den
rechten Weg nicht mehr. Alle Krankheiten kommen grimmig über einen, und alles
Elend stellt sich ein. Auf diese Weise kommt man bei der Beherrschung der
Menschen und bei der eigenen Lebensführung in große Not. Denn wenn das Ohr
sich nicht mehr an den Tönen freuen kann, wenn das Auge sich nicht mehr an der
Schönheit freuen kann, der Mund die Leckerbissen nicht mehr genießt, so ist
das ebenso schlimm wie der Tod. In
alter Zeit gab es Männer, die den Weg der Wahrheit gefunden; sie brachten ihr
Leben zu einem hohen Alter. Der Töne, Farben und Leckerbissen vermochten sie
sich lange zu freuen. Woher kommt das? Weil sie ihre Anschauungen früh
gefestigt hatten. Sind die Anschauungen frühe gefestigt, so versteht man es frühe
mit seinem Leben zu sparen. Versteht man es frühe zu sparen, so erschöpft sich
die Lebenskraft nicht. Wird es im Herbste früh kalt, so gibt es sicher einen
warmen Winter, fällt im Frühjahr viel Regen, so gibt es sicher einen trockenen
Sommer. Wenn nun selbst die Natur nicht zweierlei vermag, wie viel weniger der
Mensch. Der Mensch verhält sich gleich wie die Natur. Alle Geschöpfe sind zwar
äußerlich verschieden, aber ihren Trieben nach dieselben. Darum nahmen im
Altertum die Leute, die ihre Person oder auch das Weltreich in Ordnung bringen
wollten, die Natur zum Vorbild. Bietet man den Wein vielen Gästen an, geht er
bald zu Ende. Nun gibt es auch gar vieles, was am Leben eines Großen und
Vornehmen zehrt. Darum geht das Leben der Großen und Vornehmen in der Regel
auch rasch zu Ende. Aber nicht nur die Außendinge zehren an ihm, sondern er
selbst schädigt sein Leben, und alle Welt bereichert sich auf seine Kosten, und
niemals kommt er zur Selbsterkenntnis. Unter
den Zeitgenossen des Sun Schu Au waren alle Fürstendiener der Meinung, daß Sun
Schu Au ein besonderes Glück gehabt habe, dem König Dschuang von Ging zu
begegnen. Vom
Standpunkt der Wahrheit aus betrachtet war es aber nicht so, vielmehr war es für
den Staat Ging ein Glück. Der König Dschuang von Ging liebte es unermüdlich
überall umherzureisen, zu jagen, Wagen zu rennen, zu schießen und konnte sich
nie genug vergnügen und überließ die Mühe der Fürsorge für sein Land und
die Sorge für die Fürsten gänzlich dem Sun Schu Au. Sun Schu Au hatte Tag und
Nacht keine Ruhe und vermochte daher sein Leben nicht zu pflegen. Darum gelang
es ihm den Ruhm des König Dschuang in leuchtenden Farben auf die Nachwelt zu
bringen. Aber
während er nach außen hin große Taten vollführte21, nahm sein Leben im
Inneren Schaden. Mit den Ohren konnte er nicht mehr hören, mit den Augen konnte
er nicht mehr sehen, mit dem Mund konnte er nicht mehr essen, in seiner Brust
war er verwirrt, redete irre und sah Trugbilder, und als es mit ihm zum Sterben
kam, war er wie umgekehrt aufgehängt, voll Furcht und Besorgnis und wußte
nicht, was er tun sollte. Ist es nicht traurig, wenn einer so wenig weiß,
worauf es bei allem Dichten und Trachten ankommt? [Chinesische
Philosophie: Chunqiu - Frühling und Herbst des Lü Bu We. Asiatische Philosophie - Indien und China, S.
23451(vgl. Chunqiu, S. 19 ff.)] Bei sich selber
anfangen / Siän Gi Tang fragte den I Yin: »Wie macht man's, wenn man
die Welt gewinnen will?« I Yin erwiderte: »Wenn man die Welt gewinnen will, läßt
sich die Welt nicht gewinnen; aber sie läßt sich gewinnen, wenn man zuerst
seinen eigenen Leib gewinnt.« Die
Grundlage aller Dinge ist es, daß man zuerst den eigenen Leib in Ordnung bringt
und ihn als kostbares Gut zu schätzen weiß. Man muß stets neue Kräfte benützen
und die veralteten abstoßen, so werden die Nervenbahnen gute Leiter der
Lebenskraft11. Wenn man die Lebenskraft täglich erneuert und die störenden Kräfte
alle entfernt, so wird man seines Lebens Jahre vollenden. Wer das kann, heißt
ein wahrer Mensch. Die
weisen Könige des Altertums vollendeten sich selbst, und das Erdreich wurde
vollendet; sie brachten sich selbst in Ordnung, und das Erdreich kam in Ordnung.
So achtet der, der ein gutes Echo hervorbringen kann, nicht auf das Echo,
sondern auf den Ton. Wer einen schönen Schatten werfen kann, achtet nicht auf
den Schatten sondern auf den Körper. Wer das Weltreich handhaben kann, achtet
nicht auf das Weltreich, sondern auf sich selbst. In den Liedern12 heißt es:
Ein herrlicher Mann ist unser Fürst
Und sein Benehmen ohne Tadel.
Da sein Benehmen ohne Tadel,
Folgt ihm des ganzen Landes Adel. Damit ist gesagt, wer seine eigene Person
beherrscht, der verwirklicht seine Lehren, und die Person wird gut. Wenn er das
Rechte übt, so werden dadurch auch die anderen Menschen gut. Wenn es seine
Freude ist, seinen Fürstenberuf vollkommen zu erfüllen, so kommen eben dadurch
alle seine Diener in Ordnung, und alles Volk hat seinen Vorteil davon. Diese
drei Dinge werden bewirkt durch das »Nichthandeln«. Vom Weg des Nichthandelns
heißt es, daß er die Natur überwindet. Rechthandeln, das heißt sich selber nützen.
Fürst sein, das heißt frei sein von sich selber. Wer frei ist von sich selber, der vermag gerecht zu
hören. Sich selber nützt man durch Gleichmut und Ruhe. Wer die Natur überwindet, der paßt sich den göttlichen
Gesetzen seines Wesens an. Wer den göttlichen Gesetzen seines Wesens folgt, der
wird verständig, klarblickend und langlebend. Wer Gleichmut und Ruhe besitzt,
der fördert den Besitz seines Volkes und macht es seinem Einfluß geneigt. Wer
recht zu hören versteht, der unterbindet die Falschheit und bleibt frei von Betörung.
So
auch im umgekehrten Falle. Wenn
der Herrscher von seinem Wege abweicht, so werden seine Grenzen von den Feinden
erobert. Wenn er im geheimen vom rechten Wandel abweicht, so wird sein Name
geschmäht in der Öffentlichkeit. Es ist gleich wie bei einem hundert Klafter
hohen Tannenbaum: wenn er unten an der Wurzel beschädigt wird, so verdorren
oben seine Zweige. So haben die Herrscher aus den Häusern Schang und Dschou13
erst falsche Gedanken in ihrer Brust gehegt, und deshalb versagten ihre Befehle
in der Außenwelt. Wem
es gelingt, die richtige Gesinnung zu erlangen, dem gelingt es, sich Gehör zu
verschaffen. Wem es gelingt, sich Gehör zu verschaffen, dem gelingen seine
Unternehmungen. Wem seine Unternehmungen gelingen, dem gelingt Erfolg und Ruhm.
Die fünf Herrscher trachteten erst nach der Wahrheit und ließen die Sorge für
ihre Tugend dahinten. Darum erlangten sie eine Tugend, die von niemand übertroffen
werden konnte14. Die drei Königsgeschlechter trachteten zuerst nach Tugend und
stellten die Unternehmungen in den Hintergrund. Darum erreichten sie in ihren
Unternehmungen schönere Erfolge als irgendwer15. Den
fünf Führern der Fürsten war es zuerst um die Unternehmungen zu tun. Sie
stellten die Militärmacht in den Hintergrund, darum besaßen sie eine stärkere
Kriegsmacht als irgendwer16. Heutzutage
tauchen allenthalben schlaue Pläne auf, und verräterische Methoden bieten sich
zum Gebrauch dar. Die Angriffskriege hören nicht auf, und dennoch mehren sich
die untergehenden Staaten und die in Schimpf und Schande geratenen Fürsten
immer mehr. Das kommt davon, daß sie ihr Augenmerk auf das Äußerlichste
richten. Fürst
Ki aus dem Haus der Herren von Hia, kämpfte mit dem Herrn von Hu auf dem Felde
von Gan und besiegte ihn nicht17. Die sechs hohen Räte baten ihn darauf, den
Kampf zu wiederholen, aber der Fürst Ki aus dem Haus der Herren von Hia sprach:
»Wir dürfen es nicht. Mein Land ist nicht klein, mein Volk ist nicht wenig,
und dennoch habe ich nicht gesiegt. das kommt daher, daß meine Tugend zu
schwach und meine Belehrung des Volkes zu ungenügend ist.« Darauf unterzog er
sich allen möglichen Einschränkungen. Er gebrauchte keine doppelten Polster
zum Sitzen, es gab keine zwei Gänge beim Essen, die Zithern und Lauten waren
nicht bespannt, die Glocken und Pakuen wurden nicht aufgestellt, seine Söhne
und Töchter trugen keinen Schmuck, er liebte seinen Nächsten und hatte
Ehrfurcht vor dem Alter; er ehrte die Würdigen und gebrauchte die Tüchtigen.
Kaum war ein Jahr vergangen, da unterwarf sich der Herr von Hu. Darum:
Wer andere besiegen will, muß sich erst selbst besiegen; wer andere richten
will, muß sich erst selbst richten; wer andere kennen will, muß sich erst
selbst kennen. In den Liedern heißt es: Er faßte den Zügel wie ein Gewebe18. Meister
Kung sprach: »Wer dieses Wort versteht, vermag dar Erdreich zu beherrschen.« Dsï
Gung sprach: »Was bedarf es dazu solcher Eile?« Meister
Kung sprach: »Ich meine nicht die Eile, sondern ich meine damit, daß, was man
hier wirkt, dort als feste Linie der Ordnung wieder hervortritt. So webt der
Weise gleichsam die Kultur seiner Persönlichkeit, und als Folge davon
erscheinen die festen Linien der Ordnung im Weltreich.« So
sprach der Meister Hua Dsï: »Wenn Hügel und Berge vollendet sind, so finden
die Höhlentiere ihre Ruhe. Wenn die große Tiefe des Weltmeers vollendet ist,
so finden die Fische und Schildkröten ihre Ruhe. Wenn Kiefern und Zypressen
ausgewachsen sind, so finden die Wanderer auf dem Wege Schatten.« Meister
Kung trat vor den Fürsten Ai von Lu19. Der Fürst Ai sprach: »Es hat jemand zu
mir gesagt, den Staat lenken könne man vom Schloß aus. Ich halte das für übertriebenes
Wort.« Meister
Kung sprach: »Das ist kein übertriebenes Wort. Ich habe sagen hören, daß man
dazu, was man bei sich selber
fertigbringen kann, auch die andern bringen kann, und daß das, was einem bei
sich selber mißlingt, auch bei andern mißlingt. Ohne aus der Tür zu gehen,
das Erdreich zu beherrschen, dazu ist nur der imstande, der erkannt hat, daß
man alles auf die eigene Person zurückführen muß.« [Chinesische
Philosophie: Chunqiu - Frühling und Herbst des Lü Bu We. Asiatische Philosophie - Indien und China, S. 23482(vgl. Chunqiu, S. 32
ff.)]
Der runde Weg / Yüan
Dau Des Himmels Weg ist rund, der Erde Weg ist eckig.
Die heiligen Könige haben also das zum Vorbild genommen und dementsprechend
Herren und Diener eingesetzt. Was
ist darunter zu verstehen, daß des Himmels Weg rund ist? Die Lebenskraft dringt
nach oben und dringt nach unten, in rundem Kreislauf in sich geschlossen, ohne
Stockung und Hemmnis. Darum heißt es: Des Himmels Weg ist rund. Was
ist darunter zu verstehen, daß der Erde Weg eckig ist? Alle Wesen sind
verschieden an Art, verschieden an Gestalt. Alle haben sie ihre bestimmten
Funktionen, die sie nicht miteinander vertauschen können. Darum heißt es, der
Erde Weg ist eckig. Der Herrscher muß sich an das Runde halten, der Diener im
Eckigen weilen. Wo eckig und rund nicht vertauscht sind, da blüht der Staat. Der
regelmäßige Wechsel von Tag und Nacht gehört zum runden Weg. Des Mondes
Wanderung durch die 28 Mondhäuser vom Raben bis zur Jungfrau24, gehört zum
runden Weg. Des Lichtes Wanderung25 durch die vier Jahreszeiten, einmal oben,
einmal unten, daß jede zu ihrem Rechte kommt, gehört zum runden Weg. Wenn die
Geschöpfe sich regen, so keimen sie; vom Keimen geht es zum Leben, vom Leben
zum Wachstum, vom Wachstum zur Größe, von der Größe zur Reife, von der Reife
zum Verfall, vom Verfall zum Sterben, nach dem Tode zur Erde zurück. Das gehört
zum runden Weg. Die
Wolken und Winde wandern nach Westen in unaufhörlichem Zuge26 und halten nicht
inne im Sommer noch Winter. Wasserquellen fließen nach Osten und hören nicht
auf Tag und Nacht. Oben versiegen sie nicht, und die Tiefe wird nicht voll. Die
kleinen Bächlein werden groß, und die schweren Wasser im Meer werden leicht
und steigen als Wolken empor. Das gehört zum runden Weg. Huang
Di sprach: »Der Herrscher darf keinen bestimmten Platz haben; hat er einen
Platz, so hat er keinen Platz.« Das heißt: Er darf nirgends hängen bleiben.
Das gehört auch zum runden Weg27. Der
Mensch hat neun Öffnungen. Wenn er mit seiner Aufmerksamkeit bei der einen
verharrt, so stehen die andern acht leer. Stehen aber die andern acht dauernd
leer, so stirbt der Leib. So hört bei gleichzeitigem Hören und Schmecken der
Geschmack auf28. Bei gleichzeitigem Hören und Sehen hört das Hören auf. Das
heißt: Wenn man an dem einen Gefallen findet, so darf man in dem einen nicht
stecken bleiben. Hemmung des Kreislaufes führt zum Untergang. Das gehört auch
zum runden Weg. Das Eine ist das Wichtigste. Man kennt nicht seinen Ursprung,
man kennt nicht sein Ende, man weiß nicht, von wannen es kommt, man weiß
nicht, wohin es führt. Und doch beruhen alle Dinge auf ihm als seinem Ahn. Die
weisen Könige ahmen ihm nach, um ihr Wesen dadurch gesetzmäßig zu machen, um
ihr Herrschen dadurch zu festigen und so Befehle erlassen zu können. Der Befehl
geht aus dem Mund des Herrn hervor. Die Diener empfangen ihn und führen ihn aus.
Tag und Nacht gibt's keine Unterbrechung; überallhin erstrecken sich seine
Wirkungen. Er harmoniert mit dem Herzen des Volks und reicht nach allen vier
Himmelsrichtungen. Ringsum verändert er seinen Kreislauf und kehrt zurück zum
Ort des Herrschers. Das gehört auch zum runden Weg. Ist
ein Befehl rund, so vermögen Billigung und Mißbilligung, Lob und Tadel ihn
nicht in seiner Wirkung zu behindern. Wenn nichts ihn zu behindern vermag, so
ist der Weg des Herrschers wirkungsvoll. Darum sind die Befehle das, womit der
Herrscher den Willen Gottes durchführt. Würdigkeit und Untauglichkeit sind es,
durch die Wohlergehen oder Bestrafung bestimmt wird. Die Brauchbarkeit von Leib
und Gliedern eines Menschen beruht darauf, daß sie empfänglich sind für die
Einwirkungen der Seele. Wenn sie für diese Einwirkungen nicht empfänglich sind,
so vermag man seinen Leib und seine Glieder nicht zu gebrauchen. Mit den Dienern
eines Fürsten verhält es sich ebenso. Wenn die Befehle sie nicht beeinflussen,
so vermag er sie nicht zu gebrauchen. Wenn ein Fürst Diener besitzt, die er
nicht gebrauchen kann, so wäre es besser, er hätte gar keine; steht ein wahrer
Fürst auf, so macht er, daß jener sie auch noch verliert29. Schun, Yü, Tang
und Wu machten es alle gleich. Noch ehe sie König wurden, setzten sie hohe
Beamte ein und waren vor allem darauf aus, daß jene sich im Eckigen hielten30.
Durch diese Eckigkeit wurden die Pflichten jedes einzelnen festgelegt. Sind die
Pflichten festgelegt, so kommt es nicht vor, daß die Untergebenen unter einer
Decke stecken. Yau
und Schun waren würdige Herrscher, beide hinterließen das Reich dem Würdigsten
und gaben es nicht ihren Söhnen und Enkeln; und dennoch machten sie es ebenso:
sie sorgten dafür, daß die Beamten »eckig« waren (d.h. jeder seine
bestimmten Pflichten hatte)31. Die
Herrscher heutzutage wünschen alle, daß die Thronfolge in ihrer Familie nicht
verloren gehe und geben ihre Reiche ihren Söhnen und Enkeln. Aber bei der
Einsetzung der Beamten sind sie nicht imstande, ihnen eckige (d.h. klar
umgrenzte) Pflichten zuzuweisen. Sie richten durch ihre egoistischen Wünsche
Verwirrung an. Was soll das aber heißen? Ihre Wünsche richten sich auf die
ferne Zukunft, und ihre Erkenntnis ist aufs allernächste beschränkt. Die
fünf Töne der Tonleiter stimmen alle überein, weil ihre Tonhöhe genau
bestimmt ist. Die Noten Gung, Dschï, Schang, Yü, Güo haben alle ihren
bestimmten Platz, und die entsprechenden Töne harmonieren, so daß keine
Dissonanz möglich ist. Deshalb ertragen sie jede mögliche Verbindung
untereinander. Ein würdiger Fürst wird es beim Einsetzen von Beamten ebenso
machen. Jeder Beamte steht in seinem Amt und sorgt für seine Geschäfte in Abhängigkeit
vom Fürsten. Dann wird der Fürst ganz sicher seine Ruhe haben. Wenn auf diese
Weise ein Reich regiert wird, so wird das Reich sicher den Nutzen davon haben.
Wenn man auf diese Weise dem Unheil vorbeugt, so kann sich das Unheil auf keine
Weise nahen. [Chinesische
Philosophie: Chunqiu - Frühling und Herbst des Lü Bu We. Asiatische Philosophie - Indien und China, S.
23493(vgl. Chunqiu, S. 38 ff.)] Weitsichtigkeit /
Tschang Giän Daß die Erkenntnis der Menschen einander übertrifft,
kommt davon her, daß es weitsichtige und kurzsichtige Menschen gibt. Die
Gegenwart ist im Verhältnis zur Vergangenheit Zukunft, ebenso wie die Gegenwart
der Zukunft gegenüber Vergangenheit ist. Darum, wer die Gegenwart kennt, kann
auch die Vergangenheit erkennen. Wer die Vergangenheit erkennt, vermag auch die
Zukunft zu erkennen. Vergangenheit und Gegenwart, frühere oder spätere Zeit,
ist alles dasselbe. Darum kennt der Weise nach obenhin und nach untenhin
Jahrtausende. Der
König Wen von Dschou sprach: »Hiän Hi ist mir schon wiederholte Male
entgegengetreten, aber er hat kein Recht gehabt, er hat mir widersprochen, aber
was er sagte, entsprach der Ordnung. Der Verkehr mit ihm ist nicht bequem, aber
auf die Dauer gewinne ich dabei. Wenn ich ihn nicht zu meinen Lebzeiten in den
Adelstand erhebe, so werden Weise der Zukunft mich tadeln.« Darauf ernannte er
ihn zum fünften Hohen Rat. »Schen Hou Be versteht es, meinen Gedanken
entgegenzukommen. Was ich wünsche führt er aus, noch ehe ichs ausgesprochen.
Der Verkehr mit ihm ist zwar bequem, aber auf die Dauer verliere ich dabei. Wenn
ich ihn nicht zu meinen Lebzeiten entferne, so werden die Weisen der Zukunft
mich deshalb tadeln.« Darauf verabschiedete er ihn und ließ ihn gehen16. Schen
Hou Be begab sich nach Dschong und schmeichelte den Neigungen des Fürsten von
Dschong, indem er alles zum Voraus tat, was jener wünschte. Nach drei Jahren,
da ward er mit der Regierung von Dschong beauftragt. Nach weiteren fünf Monaten
brachten ihn die Leute von Dschong um. So war das Verfahren des Königs Wen vor
dem Richterstuhle der Weisen der Nachwelt gerechtfertigt. Der
Herzog Ping von Dsin ließ eine große Glocke gießen, deren Klang er durch die
Sachverständigen prüfen ließ. Alle waren der Meinung, sie habe die rechte
Stimmung. Nur der Musiker Kuang (Schï Kuang) sagte: »Sie stimmt nicht, ich
bitte, sie umgießen zu lassen.« Der Herzog Ping sprach: »Die Sachverständigen
sind alle der Meinung, daß sie in der rechten Stimmung sei.« Der Musikmeister
Kuang sprach: »Wenn es in Zukunft einen musikalischen Menschen geben wird, so
wird er merken, daß die Glocke nicht richtig gestimmt ist. Darüber empfinde
ich für meinen Fürsten Scham.« Als dann später der Musikmeister Hüan (Schï
Güan) aufkam, erkannte er richtig, daß die Glocke nicht gut gestimmt war. So
wollte der Musikmeister Kuang die Glocke gut stimmen lassen, in Gedanken an die
Musikverständigen der Zukunft. Der
große Herzog Lü Wang wurde mit Tsi belehnt. Der Herzog Dan von Dschou wurde
mit Lu belehnt. Die beiden Herrscher waren gut befreundet und redeten
miteinander über die Grundsätze, nach denen sie ihre Staaten regierten. Der
große Herzog Wang sprach: »Ich achte die Weisen und ehre das Verdienst.« Der
Herzog Dan von Dschou sprach: »Ich liebe die Nächsten und schätze die Gnade.«
Der große Herzog Wang sprach: »Infolge dieser Grundsätze wird der Staat Lu
abnehmen.« Der Herzog Dan von Dschou sprach: »Lu wird zwar abnehmen, aber Tsi
wird auch nicht im Besitz der Familie Lü bleiben.« Im Laufe der Zeit wurde Tsi
immer größer, bis es schließlich die Hegemonie im Reich erlangte. Aber nach
vierundzwanzig Generationen bemächtigte sich der Usurpator Tiän Tschong Dsï
des Staates. Der Staat Lu verkleinerte sich immer mehr, bis er sich schließlich
kaum noch halten konnte. Aber das Herrscherhaus erlosch erst nach vierunddreißig
Generationen. Wu
Ki17 verwaltete das Gebiet außerhalb des westlichen Gelben Flusses. Da
verleumdete ihn Wang Tso bei dem Fürsten Wu von We. Der Fürst Wu ließ ihn vom
Amte abberufen. Als Wu Ki nach An Men kam, hielt er den Wagen an und blickte
nach dem Westfluß. Er weinte lange und stieg ab. Sein Knappe sprach zu ihm: »Ich
dachte, daß Ihr die ganze Welt ebenso leicht ablegen könntet, wie man ein Paar
alte Schuhe ablegt. Warum weint Ihr nun so, da Ihr den Westfluß verlassen müßt?«
Wu Ki wischte sich die Tränen ab und erwiderte ihm: »Das verstehst Du nicht.
Wenn der Fürst mich erkannt hätte, und ich meine ganze Kraft an die Verwaltung
des Westflusses hätte setzen können, so hätte ich ihm zur Weltherrschaft
helfen können. Nun hat statt dessen der Fürst auf die Reden von Verleumdern
gehört und mich nicht erkannt, so wird es nicht lange dauern, bis die Gegend am
westlichen Fluß vom Staate Tsin geraubt wird. Das aber wird der Anfang des
Niedergangs von We sein.« Wu Ki verließ darauf We und begab sich nach Tschu.
Kurze Zeit darauf wurde das ganze Gebiet am Westfluß von Tsin annektiert und
Tsin wurde immer mächtiger. Das hatte Wu Ki unter Tränen vorausgesehen. Der
Minister Gung Schu Dso von We war krank. Der König Hui18 ging hin, um nach ihm
zu sehen. Er sprach: »Eure Krankheit ist schwer, wem soll ich das Wohl des
Staates anvertrauen?« Gung Schu erwiderte: »Ich habe einen Knappen namens Gung
Sun Yang und bitte, daß Ihr das Reich ihm anvertraut. Wenn Ihr nicht auf seine
Worte hören wollt, dann sorgt wenigstens dafür, daß er das Gebiet unseres
Staates nicht verläßt.« Der König
erwiderte nichts. Nachdem er sich verabschiedet hatte, sprach er zu seiner
Umgebung: »Ist das nicht traurig? Der Gung Schu war immer so weise und nun will
er mich dazu überreden, die Leitung des Staates dem Gung Sun Yang anzuvertrauen.
Das ist eine Dummheit!« Als
Gung Schu gestorben war, reiste Gung Sun Yang nach Westen in den Staat Tsin. Der
Herzog Hiau von Tsin hörte auf ihn und so wurde Tsin immer mächtiger, während
We immer schwächer wurde. Das kam aber nicht von der Dummheit des Gung Schu Dso,
sondern der König von We war der Dumme. Das Unglück der Dummen ist, daß sie
das, was nicht dumm ist, für dumm halten. [Chinesische Philosophie: Chunqiu - Frühling und
Herbst des Lü Bu We. Asiatische Philosophie - Indien und China, S. 23714 (vgl.
Chunqiu, S. 139 ff.)]
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canandanann 04-03-06
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